Montag, 4. Oktober 2010

Der Rest


Nachdem die Seele des Menschen den Körper verlassen hat,

Landet sie

Auf der großen Halde und kühlt eine Zeit aus.

Wenn die Kälte des Raumes den Sinter der Seele

Völlig durchdrungen hat

Und der für höhere Wesen fast unerträgliche Gestank

Sich ein wenig verflüchtigt hat


Kommen die Engel des Herrn

Mit gewaltigem Gerät werden

Die gesammelten Seelen

Der weiteren Verarbeitung zugeführt.


Große Mühe wenden die geflügelten Arbeiter auf

Um die klumpigen Schlacken der Seelen

Zu schreddern.


Wachsamen Auges stehen sie an großen Tischen und suchen

Auf der grauen Substanz der gewonnenen Kerne

Nach schimmernden Anhaftungen

Und metallischen Spuren.


Im Staub stehen sie und den letzten irdischen

Ausdünstungen der Seelen

Mit Eifer suchen sie

selbst kleinste Trümmer

Ab

Und finden

Während die Aschehaufen der Jahrtausende sich um sie

zu Bergen türmen

manchmal ein Gran ganz selten ein

Für Engel fühlbares Gewicht von dem Gold unserer Seelen.


Am Abend des Tages geht einer von ihnen

Nachdem er die schönen Flügel geschüttelt,

Sich wie es Brauch ist gereinigt

Und neue Gewänder angelegt hat

Zum Herrn.


Der Herr nimmt mit einem freundlichen Blick

Das Beutelchen an sich,

Das der Engel ihm reicht und

Mit einem Seufzen legt er es

Auf die Waage.



In der Ferne dröhnen aufs Neue

Die großen Maschinen.






Die Fliegen


Die Fliegen lieben die Menschen:

Die Wärme der Haut zieht sie an, besonders an

Kühleren Tagen

Mit Kennerschaft suchen

Sie Stellen

Die nach Zärtlichkeit dürsten


Mit zierlichen Füßen trippeln sie liebend auf unserer Haut

Das leise Vibrieren des Blutes in unseren Adern

beruhigt sie und

In gut gespielter

Arglosigkeit reiben sie dann

Das Köpfchen zwischen zwei Armen und glätten

Sorgfältig die silbrigen Flügel

Anschließend erkunden sie voll Neugier

Die Blößen unserer Körper und

Irgendwo auf ihrem kribbelnden Weg

Machen sie Rast und saugen das Salz

Und was sonst in unserem Schweiße sich findet

Mit zarten Rüssel


Sie lieben uns und sie

Kennen uns und

Sie sind vor uns auf der Hut

vor der gewaltig schlagenden Hand.


Schon nach kurzer Weile kehren sie

Die unermüdlich Verzeihenden

Zu uns zurück denn

Die Fliegen lieben den Menschen.


Die Menschen lieben die Fliegen nicht.




unversehens ein gedicht


Als ob ich gar nicht dichten wollte

Schreib ich diese beiden Zeilen

Was sich gar nicht reimen sollte

Will doch zum Reime sich beeilen


Und so fließt aus meiner Feder

Auch die zweite Strophe schon

Was sich reimt, das mag ein jeder

Wohlklang ist des Dichters Lohn



Oh, des Dichtens hohe Schule!

Petrarca auf dem goldenen Stuhle

Hilf mir jetzt und steh mir bei!


???? ???? ???? ????

So wird das niemals ein Sonett!

Schenk mir doch noch ein Terzett!

Kommt da nichts mehr? Neee? Vorbei!





Nachricht vom 22.11.11 gegen 17.00 Uhr


Was wir am meisten vermissen


mein Süßtönender, mein Hyazinthen-Beet, mein Wonnemeer, mein Morgen- und Abendroth, meine Aeolsharfe, mein Thau, mein Friedensbogen, mein Schoßkindchen

Ist die Schwerkraft

Seit wir unseren

Sehr unbeholfenen Zustand

verlassen haben


mein Herzchen, mein Liebes, mein Täubchen, mein Leben, mein liebes, süßes Leben, mein Lebenslicht, mein Alles, mein Hab und Gut, meine Schlösser, Aecker, Wiesen und Weinberge,

Gibt es keine bevorzugte Richtung im Raum

Es gibt wohl auch gar keinen Raum

Lange Flügel an unseren Schultern würden


Mein Paradies, meine Träne, meine Himmelsleiter, mein Johannes, mein Tasso, mein Ritter, mein Graf Wetter, mein Page, mein Erzdichter

Wenn wir sie hätten

Uns wenig nutzen


Sonne meines Lebens, Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde, meine Vergangenheit und Zukunft, meine Braut, mein Mädchen, meine liebe Freundin

Auch von wandeln kann also

gar keine Rede sein

Wie überhaupt der Sinn der Wörter


Mein Glück, mein Tod, mein Herzensnärrchen

In blasse Schatten übergeht an

die wir uns solange noch halten

Bis wir uns hier -so fürchte ich -

verlieren

Wie lange noch wird das Wort

Einbeißender Schlangenhenkel

Uns vereinen?